Vogelsang: Fiktion und Konstruktion - die Narrationen des Verbotenen

${

Loesung Form Wirklichkeit den Mix.it (
)

}


[ Utøya & Kultur und Klasse & COMPSTAT - "The Wire" ]


"Die Ironisierung der Form greift also nach diesen Äußerungen dieselbe an, ohne sie zu zerstören, und auf diese Irritation soll die Illusionszerstörung in der Komödie es absehen. Dieses Verhältnis zeigt eine auffalende Verwandtschaft mit der Kritik, welche unwiderruflich und ernsthaft die Form auflöst, um das einzelne Werk ins absolute Kunstwerk zu verwandeln, zu romantisieren.

"Ja, auch das Werk, das teuer erkaufte, es
bleibe Dir köstlich;
Aber so Du es liebst, gib ihm Du selber den Tod,
Haltend im Auge das Werk, das der Sterb-
lichen keiner wohl endet:
Denn von des Einzelnen Tod blüht ja des
Ganzen Gebild"
[Benjamin, Walter: 1973, S.78+79](17)


(Fenster aus asche III bitte im altglas entsorgen.)


"The documentary’s uneasy alliance with scientific methodology
attempts to exploit the seeming power of science to stop the
drift of multifaceted interpretation. Justifiably or not, scientific
evidence is incontrovertible; it rests comfortably under
the sign of certitude. This is the authority that the documentary
attempts to claim for itself. Consequently, documentary
makers have always used authoritarian coding systems to
structure the documentary narrative."

Against Documentarys

aus:

The Electronic Disturbance, 1993

(Die Quelle des CAE kann und soll frei kopiert und vervielfältigt werden.)

"Das Adjektiv "vorüberghend" kommentiert das Adjektiv "ewig", wie wir wissen dauerten die postulierten 1000 Jahre des "dritten reiches" "nur" 12 Jahre, die aber vielen als eine Ewigkeit erschienen. Und Blicke? Wie leicht ist der kurze Augenblick im Vergleich zur Ewigkeit. Im Spannungsfeld dieses scheinbaren Widerspruchs - "vorübergehend" - "ewig" - öffnen sich die hochkomplexen Fragestellungen. -
"getting work done - vorübergehend""

"In Hürtgen they just froze up hard; and it was so cold they froze up with ruddy faces,"

"a black-green ocean of forest, in which Hansel and Gretel had lost their way". Hemingway called the Eifel woods the "forest, where dragons live". Dragons' teeth, the Siegfried line, the Green Hell - terms that remind one of old German myths and fairy tales, of the Nibelungenlied, of the Nazi propaganda about the "eternal forest", of stories of ghosts and evil witches in the deep woods."

Ernest Hemingway "Across the River an into the trees"

 



Hier gibts den Text "Vogelsang Konversion & Narrationen des Verbotenen" als pdf - Für die letzten Druckfanatiker der Menschheit, die in Deutschland offensichtlich ein Bio-Top gefunden haben.


Vorbemerkungen, auch zur Publikation, die Bezug nimmt auf die Ausstellung "Vogelsang Interventionen", wir sind dort mit :asche II: vertreten:


Im Bezug auf die sogenannte "Ordensburg Vogelsang" teilen wir die vom ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, angemerkten Einschätzungen. 

Unsere Performances an dem Ort. 

Die von der Kunsthochschule für Medien Köln herausgegebene Publikation spiegelt, bis auf unseren Abschnitt, nicht unsere Meinung, oder Einschätzung, wir halten sie für wenig sinnvoll, weil sie weiter dazu beiträgt den Ort zu "hypen", weshalb sich dort von uns lediglich ein Verweis auf Google findet, mit der Aufforderung den Begriff "Vogelsang Konversion" einzugeben. So verweisen wir auf den letztlich relevanten prozessualen Aspekt, den der "Konversion" des Ortes, die Analyse der politischen Interessenslagen, die bei der Konversion dieses Ortes entscheidend sind vermag mehr über den Stand der NS-Aufbereitung zu sagen, als alles wofür der Ort selbst theoretisch stehen könnte. (das Land NRW - auch als Bildungsträger - hat hier eine Schlüsselrolle)Auch die entscheidenden Landtagsbeschlüsse und Diskussionen finden sich mit Hilfe des Suchbegriffes "Vogelsang Konversion" - oder "Ordensburg Vogelsang Landtag NRW" etc - Kilometerweise Akten.

Die traditionelle Papierform ist unserer Meinung nach nicht geeignet um prozessuale Abläufe in der Zeit horizontal und vertikal zu erschließen. Dies aber sind Prozesse die gerade im Hinblick auf Vogelsang relevant sind - der Wandel der Wahrnehmung bei gleichzeitig erhalten gebliebener "Wahrnehmunsmanipulation" des Bauwerkes - darauf gehen wir im anschließenden Text unten, nach diesen Vorbemerkungen weiter ein. Wenn man also verstehen will warum Publikationen zu dem Thema entstehen, warum Bildungsträger dort überhaupt aktiv werden, wie dies auch im Hinblick auf den Haushalt zu werten ist, wie also all die Dinge, Interessenlagen, zusammenhängen, die letztlich auch uns erst dorthin gebracht haben, dann müssen diese politsichen und ökonomischen Interessen, die im Zuge des moralischen NS-Gedenkens so gerne beiseite geschoben werden, thematisiert werden. Vogelsang steht heute also insbesondere auch für sehr widersprüchliche Interessenslagen, die eher im Verborgenen virulent sind.

Der Statik des Papieres entgehen wir, unter den gegebenen unzureichenden Bedingungen, behelfsmäßig, mit dem "Google Screenshot", und zeigen damit auch unsere strikte Ablehnung der Papierform - auch beigelegte Datenträger o.ä. können die Statik der Publikation nicht überwinden, sie sind nur Archive, die sich auf einen statischen Punkt beziehen, der nicht weiterentwickelt wird. Das Web dagegen ist in der Lage sämtliche relevanten Prozesse auch auf einer Zeitachse abzubilden - es ist kein "Freeze" - sondern eine hybride, systemische Matrix - also kein einzelner Punkt, der vorgibt er hätte mir allen anderen Punkten nichts gemein.

Der unten verlinkte Beitrag des ZDF zeigt, welche Probleme entstehen können, die mit der weihevollen NS-Aufbereitung korrespondieren, sie in der Realität sogar konterkarieren - "Vogelsang" ein Ort voller Widersprüche - statische Bestandsaufnahmen bringen hier nichts, es sei denn sie verweisen auf derart abstrakte Überlegungen, dass sie sich vom Ort abkoppeln können, bzw. seine relevanten Bestandteile verallgemeinern:

Update:11.04.2011: Heute gab es einen interessanten Bericht in "WISO" beim ZDF. der zeigt zu welch seltsamen Verwicklungen die krampfhafte "Wiederbelebung" der ehem. sog. "Ordensburg" Vogelsang führen kann - Stichwort: Waldschule URFT.

Auch Suchbegriffe wie zum Beispiel: "Krimi Hotel Vogelsang" sind aufschlussreich. Hier allerdings reiht sich sowohl die Publikation der KHM, wie auch die Austellung selbst, mögliche weitere Ausstellungen, nahtlos in ein unzureichend hinterfragtes Konzept der weiteren Nutzung ein (es handelt sich ja nicht um wissenschaftliche Arbeiten, sondern um eher künstlerisch-essayistisches),welches die vorhandenen Widersprüche bei weitem nicht ausreichend thematisiert - damit sind sie Teil des "1. NS Vergnügungsparks" - was in gewisser Weise auch für uns gilt, wobei auch gilt:

Die ruinösen Strukturen, die unsere Arbeiten dort kennzeichnen, wie auch unsere nur symbolische Präsenz in Publikationen,  unterstreichen unsere Einschätzung, dass man den Ort unbedingt verfallen lassen sollte, bzw. bewusst abreissen sollte - zurückbauen sollte, wir halten eine weitere "Bespielung" des Ortes für absolut falsch bzw. sie müsste dazu beitragen den Ort in einen ruinösen Zustand übergehen zu lassen, wie unsere Arbeiten, deren zentraler Bestandteil ja eine "Hinfortnahme" des materiellen Körpers der "Burg" war. Eine negative Bilanz - nach Abschluss unserer Arbeiten dort, war mehr weggenommen als wir zuvor eingebracht haben - die "Burg" wurde also "kleiner" - "weniger" - gerade ausschließlich aus dieser vorweg genommenen symbolischen (zeitlubenartigen) Sprengung entanden unsere Formen.

Insbesondere die Fenster, die hier noch minimalistischer, abstrakter und ausgereifter waren, als die simplere ":asche II:" veranschaulichen dies - die Namen auf den Fenstern entstanden ausschließlich durch Zerstörung der Oberfläche, dadurch ergaben sich Durchblicke, die durch eine zerstörte Oberfäche "wandern" mussten.  Dennoch bemerkten wir, dass es einen Zwang zur "Einsortierung" gab - durch den Vermittlungsprozess, in zahlreichen Presseberichten zu der Aktion beispielsweise, wurde die "Ordnung" wieder betont - an einem Ort wie Vogelsang heisst NS-Gedenken dann meist "Mahnmal", so wird an derartigen Orten letztlich eine moralische Geschichtslinearität erzeugt, die den Ort moralisch entlastet. Es war und ist auch unser Anliegen diesen Ordnungsaspekt zu zerstören,  daneben entstand aus der Zerstörung das lesbare Täterdokument "Liste verbotene Autoren" - (Wenn es also ein Mahnmal sei - dann sagen wir klar - es ist ein Mahnmal gegen Täter und es ist kein weiteres Mahnmal des Opferkultes -> die Liste erschien am 15.05.1933 im Börsenblatt des deutschen Buchhandels - kann sie an Opfer erinnern? Nein - aber an Schreibtischtäter, und den Erstellungs- Satz- Druck- Auslieferungs- Verteilungsprozess, der das Börsenblatt an jenem Tage massenhaft vervielfältigte und unter die Leute brachte). So konnten wir gerade die gefährliche Ordnungskonstitution dieses Ortes darstellen - genau dies ist auch der "Konversionsprozess" eine gefährliche Ordnungskonstitution, und auch statische Publikationen sind statische Ordnungsprozesse. (Je größer die Schrecken desto stärker unterliegen wir dem Zwang zur Einsortierung, geordnetes moralisches Zeigefinger-Erinnern - die Form ritualisieren - um ihren Schrecken zu bannen.)

Die Zerstörung der Ordnungskonstitution - die Hinfortnahme der "Burg":

Dennoch es ist der richtige Weg eine "negative Bilanz" zu erzeugen, denn der Ort scheint geradezu eine Besessenheit zu erzeugen ihm etwas hinzufügen oder abringen zu wollen - und gerade diese Bessenheit ist einer der wichtigsten Aspekte, der diesen Ort überhaupt hat entstehen lassen. Ein Zwang zum Hinzufügen, zum immer Mehr hat den finstren, monströsen Klotz in der Eifel entstehen lassen. Doch es waren die Nazis selbst, die an dieser Bessenssenheit des immer Mehr zugrunde gingen, so blieb Vogelsang vor allem "unfertig" - diesen "unfertigen" Charakter sollte man nicht durch "fertig" - "abgeschlossen" - sondern im Gegenteil durch "Hinfortnehmen" betonen. Was man also auch tut - selbst wenn es, wie im Rahmen der Ausstellung, eine vermeintlich kritische, dabei jedoch objektiv erratische Busreise ist - immer wird dem Ort etwas hinzugefügt, steht er im Mittelpunkt einer krampfhaften Wiederbelebung, was dann wiederum zu allerlei historisch mehr als fragwürdigen Verweisen einlädt, oder zu moralinsauren selbstzweckhaften Veranstaltungen wird.

Damit ist eine abgeschlossene Papierform in die "Vogelsang Falle" getappt - sie feiert sich und "Vogelsang", ist allenfals gestisch kritisch. Ernstzunehmende, zeitgemäße "künstlerische" Formen können dort jedoch nur aus Zerstörung entstehen, andernfalls wird der Ort sie inkorporieren, so sehr sie sich auch dagegen sträuben mögen, deshalb scheitern derartige Konzepte, soweit sie die Gelegenheit bieten den Ort zu einer Projektionsfläche zu machen - nochmal - Lösung für künstlerische Produktionen ist die "Negative Bilanz"- das Meiste andere wird eben zum "NS-Vergnügungspark". Die Ursache hierfür wiederum, da schließt sich der Kreis -die politisch-ökonomische Interessenslage "Vogelsang Konversion" - aus der sich dann viele weitere "Nutzungskonzepte ergeben" und neue andere Interessenslagen entstehen, die in letzter Konsequenz den Bau nicht nur erhalten - sondern vollenden - fatal  -> Mahnaml des Mahnmals

(Das gilt natürlich nicht für wissenschaftliche Publikationen, diese suchen aber auch nach anderen Fragen - nach Fragen, die sich verallgemeinern und vergleichen lassen.)

Sämtliche im Bezug zu unseren Arbeiten stehenden relevanten Texte finden sich also ausschließlich innerhalb unserer Website. Wir verstehen uns hier auch nicht als Teil einer Gruppe, oder einer Gruppenausstellung, wir sehen unsere Arbeiten als Einzelausstellungen/Einzelarbeiten.

von sab, lhb, cst


Landschaft – Erinnerung – Vogelsang Früjahr 2011

1. Vogelsang - Kristallisationspunkt und Symbol


Landschaft wird zudem als abstrakter Ausdruckswert einer komplexen

Ganzheit aufgefasst, der sowohl als Schema des Fühlens und Erlebens als

auch als subjektiver Erlebnisraum gekennzeichnet wird.“

Olaf Kühne,

 “Distinktion – Macht – Landschaft“ 

 Zur sozialen Definition von Landschaft,

S.23, VS, Wiesbaden 2008



Am Anfang steht ein Tor, im neo-klassizistischen Stil, wir betreten eine geschlossene Anlage, die den Anspruch erhebt ein großes Areal mit den Mitteln der Landschaftskonzeption und Architektur zu definieren – wir befinden uns in der ehem. sog. Ordensburg Vogelsang, dem heutigen Internationalem Platz Vogelsang.


Wahrnehmungsdesign - Komplexität reduzieren, um einen künstlerischen-politischen-ideologischen-marktwirtschaftlichen "Wert" zu generieren.   

Der Raumeindruck lässt keinen Zweifel aufkommen, hier war beabsichtigt Macht in Stein und Landschaft zu transformieren. Man geht an verschiedenen Gebäuden vorbei und erreicht schließlich den sogenannten Adlerhof, von hier erschließt sich das Konzept dieses Teils der Anlage, der Blick geht von der ehemaligen Wandelhalle weit über die Landschaft der Eifel, es stellt sich ein Gefühl der Erhabenheit ein. Die Natur wird zur Kulisse, zum beherrschbaren und formbaren Teil einer Gesamtkonzeption, die sich der Natur und der Architektur bedient, um eine politische Ideologie sichtbar und erlebbar zu machen. Es war beabsichtigt auf dem Gelände der ehemaligen NS-“Ordensburg“ Vogelsang viele weitere Gebäude zu errichten. Ein Stadion, ein gigantisches Haus des Wissens und andere Gebäude sollten das Areal zu einem regelrechten Tempelberg der Nation ausbauen, sollten inmitten der eher beschaulichen Eifel einen Ort der Machtdemonstration des NS Regimes erzeugen. Hier bediente sich die NS-Diktatur eines immer wiederkehrenden Konzeptes, welches die Kombination aus Landschaft und speziell in sie hinein gebaute Architektur als Kristallisationspunkt politischer Macht definiert. Es handelt sich in der konkreten Ausformung zwar um die NS typische Manifestation des Führerprinzips, der visuellen Allmacht, auch über die Natur. Das Grundprinzip, aber Macht in Landschaftsformung und Architektur zu übersetzen, ist keineswegs NS typisch. Jeder kennt die Akropolis in Athen, das Tal der Könige in Ägypten, oder die Skylines und mächtigen Hochhausbauten der Moderne. Viele weitere Beispiele ließen sich aufführen. Immer geht es darum, eine vorgefundene Situation in einen weihevollen, beeindruckenden und singulären Eindruck zu verwandeln, der gleichsam das „Antlitz der Mächtigen“ spiegelt. Die Aufgabe der bürgerlichen Architektur und Kunst (Kunst am Bau) ist es in der Regel nicht solche Orte kritisch zu hinterfragen, sondern sie zu Illustrieren - auf Basis einer "Ästhetik der Macht" "schön und attraktiv zu machen".

Solche Orte verfolgen also einen über das eigentliche Nutzungskonzept hinausweisendes Ziel. Sie übersetzen Landschaft und Architektur in einen imaginären Kontext, der vor allem emotionale Aspekte anspricht. Derartige Orte sollen in unserem Unterbewusstsein wirken, sollen in einen imaginären Kontext überführt werden. Dies ist die Basis dafür, dass derartige Orte zu Symbolen ihrer Erbauer werden können, die über viele Jahrhunderte ihre Wirkung entfalten. Nicht o
hne Grund sind solche Orte fast immer für eine touristische Nutzung interessant. Im Falle der ehemaligen Ordensburg Vogelsang wurde die touristische Nutzung von vornherein mit eingeplant. So sollten die „Volksgenosse“ aus allen „Gauen“ mit eigenen Augen sehen, wozu das NS Regime in der Lage war. Zumindest was den fertig gestellten Anteil der Anlage betrifft, so ist dieser Ort bis heute, so oder so, beeindruckend und somit auch ein Ort touristischer Nutzung, ein Erlebnisraum dessen dunkle Vergangenheit ihn gerade attraktiv macht.

2. Landschaft und Architektur: Fiktion und Konstruktion von Wahrnehmung - Wahrnehmungsdesign


Wir wollen das Areal der „ehemaligen Ordensburg“ im Folgenden als eine Raumkonstruktion begreifen, als einen Ort also, der nicht objektiv gegeben, sondern sozial konstruiert ist und das auf zweierlei Ebenen: Zum einen auf der Ebene der bewussten und zielgerichteten Umgestaltung der natürlichen Umwelt und zum anderen auf der Ebene der Wahrnehmung selbst. Ein voraussetzungsloses „Wahrnehmen“ kann es dabei nicht geben. Landschaft(s)Architektur ist immer Teil eines Sozialisationsprozesses oder genauer Inkorporationsprozesses, eines Vorgangs also der die konkrete Umgebung einem Essen gleich aufnimmt und verdaut. Eine vorgefundene Umwelt wird also zur „Landschaft“ bereits durch den Prozess der Wahrnehmung, der wiederum sozial erlernt ist. Das Gelände der ehemaligen Ordensburg Vogelsang ist ein Beispiel für eine hochgradig umgeformte und angepasste Situation, die aber trotz ihrer Künstlichkeit den Eindruck von Natürlichkeit erzeugen soll, dies ist wichtig, da das Konzept der Anlage so dazu taugt, scheinbar eine individuelle, natürliche Wahrnehmung zu erzeugen, die tatsächlich aber die Art und Weise, wie der Inkorporationsprozess der Besucher oder Nutzer der Anlage abläuft, sehr genau steuert.

Bei der Wahrnehmung von Landschaft findet immer eine Reduktion statt, eine bewusstseinsinterne Konstruktion oder Essentialisierung von Landschaft(s)Architektur. Unsere Wahrnehmung wäre mit der Komplexität einer Situation aus Landschaft und Architektur überfordert, bzw. es ließe sich ohne bestimmte Vereinfachungen kein klarer symbolischer-künstlerischer-politischer-ideologischer „Wert“ in die Situation hineingießen, kein Wahrnehmungsdesign implementieren. Die Reduktion der Komplexität basiert dabei einerseits auf dem erlernten Erkennen von Regelmäßigkeiten und deren Kategorisierung und andererseits darauf, dass in der Architektur, insbesondere der Nationalsozialisten, mit dauernder Wiederholung einzelner Stilelemente und Baugruppen gearbeitet wird. Es wird aber auch schon vorher, zum Beispiel in Zeitschriften und Fotos oder Informationsschriften über einen bestimmten Ort eine Reduzierung und Symbolwerdung betrieben, denn neben den erwähnten Faktoren ist unsere Erwartungshaltung entscheidend. Je genauer das was wir erwarten mit dem tatsächlich vorgefundenem Eindruck übereinstimmt, umso effektiver kann eine Landschaft oder allgemeine Anordnungen im Raum zu einem Symbol werden, was uns auch unterbewusst beeinflusst – Landschaft(s)Architektur wird zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Dies ist den Nationalsozialisten im Falle der ehemaligen sogenannten NS „Ordensburg“ Vogelsang ganz vortrefflich gelungen - Landschaft wird hier zu einem Repräsentationsobjekt, zu einem Sakralobjekt, welches ein Bedeutungsgewebe aus Landschaft und Architektur ergibt. Dieses Bedeutungsgewebe ist ein „Code der Wahrnehmung“, der nicht nur visuell sondern auch narrativ wirkt. Landschaft und Architektur scheint visuelles Erleben zu sein, erschließt sich also visuell, aber auch narrativ. Über Mythen und Erzählungen, mit denen bestimmte Landschaftsformationen verbunden werden, wird der Wahrnehmungscode eines bestimmten Raumes erschlossen. Diese Narrationen unterliegen den Blicken, werden immer schon beim Blicken, Schauen und Erleben mitgedacht. Es ist dabei erschreckend, dass diese Narration mit der heutigen touristischen Nutzung der ehem. sog. Ordensburg Vogelsang auf der Ebene der Wahrnehmung und des Erlebens beinahe ungebrochen fortgesetzt wird. Andererseits ist das wenig verwunderlich, denn diese deutsch-nationale Narration, welche die Nationalsozialisten benutzt haben, ist keineswegs durch die NS-Propaganda initiiert worden, so auch nicht an das NS-Regime gebunden, vielmehr nutzte das NS-Regime die national-romantisch-revolutionäre Deutschtümelei als spezifisch deutschen Aspekt der faschistischen Propaganda. 

So ist es zuerst das Narrative, welches einen "leeren" - "wilden" Raum zu einer bestimmten Landschaft(s)Architektur werden lässt. Erinnerungen sind dabei nichts anderes als solche scheinbar individualisierten Narrationen, die den Blicken unterliegen, die durch das Blicken bestätigt werden. Je passgenauer sie die zugrundeliegende Narration spiegeln, umso stärker funktionieren Landschaft(s)Architekturen als "Medien der Erinnerung". Hier ist im konkreten Falle der ehemaligen NS-“Ordensburg“ Vogelsang auch der Grund zu finden, warum dieser Ort beispielsweise auch einfach als „Burg Vogelsang“ bezeichnet wurde: „Ordensburgen“ sind zwar nicht zuerst optisch als mittelalterliche Burgen direkt zu erkennen, wurden aber so bezeichnet. Im NS Geschichtsbild stand die Burg für Wehrhaftigkeit, jede Architektur, die ihre Wehrhaftigkeit unmissverständlich vor Augen führt, kann zur Burg werden. Diese Kombination aus Narration und visuellem Eindruck erweckt die Vorstellung einer tief in der Natur liegenden mythischen Stätte der Nation, die zugleich Kristallisationspunkt einer nationalen Sehnsucht ist. Ein mythischer und machtvoller Ort, der zwar modern ist, aber doch in direkter Linie in Bezug zu einer „uralten“ – ewigen „heiligen“ Geschichte steht.

Dieser narrative Ansatz, im Falle der „Ordensburgen“durch den Rückbezug auf den Gebäudetyp einer „Burg“, gibt dem Regime, welches derartige Gebäude errichtet hat, einerseits einen weit in die Geschichte zurückreichenden Background, und andererseits eine aus nicht näher spezifizierbaren mythischen Wurzeln entspringende Rechtfertigung. → Ewigkeit Eine Architektur und Landschaftsformung, welche sich auf vielen Ebenen gegen ein kritisches Hinterfragen abschottet. Im Falle der ehemaligen „Ordensburg“ Vogelsang wurden Landschaft und Architektur extrem eng miteinander verzahnt, um eine besonders tiefgreifende Manifestation von Macht vorzunehmen. Gefragt werden muss also immer nach der gesellschaftlichen Definition von Landschaft (s) Architektur. Beides, Landschaft und Architektur, sind auch Medien der Erinnerung, Medien des sogenannten kollektiven Gedächtnisses, die sich tief in unser Bewusstsein eingraben. Repräsentationen von Macht und Herrschaft, finden sich auf jedem Flecken, auf jedem Schritt und Tritt. Einmal betreten, wird alles zu einem Symbol von Herrschaft und Macht. Die Anlage umschließt alles in ihr gelegene und alles sie umgebende, inkorporiert die sie umgebende Landschaft bis zum Horizont.

3. Fazit: Blicke brechen die Narrationen des Verbotenen

Auf dem Adlerhof stehend geht der freie Blick Richtung Norden, Osten und Westen über das Tal der Urft. Ein Panorama öffnet sich den Blicken, das als schön bezeichnet werden könnte, hätte es nicht jede Unschuld und Unbefangenheit verloren. Die Landschaft hier, eine besondere Schönheit, auch Erhabenheit und Sehnsucht verkörpernd, wird durch die in architektonische Formen gegossene Machtdemonstration des NS-Regimes aus einem regional und heimatlich aufgeladenen Kontext herausgelöst und zu einer Ikone der Nation, zu einer „bildreligiösen Ideallandschaft“. Landschaft und Architektur verschmelzen zu einer idealtypischen Erzählung im nationalsozialistischen Sinne, die eine immer schon gewesene und immer seiende "Volksgemeinschaft" beschwört. Für einen anderen, von der "volksgemeinschaftlichen" Erzählung und damit "volksgemeinschaftlichen" Identität abweichenden Blick ist hier kaum Platz, soll bewusst kein Freiraum gelassen werden.

vogelsang - "vorübergehend" - folded space/time - thon&beuse 2010 - ca. 220x140cm

Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit der beiden KünstlerInnen an. Die von ihnen bearbeiteten Fenster durchkreuzen das Konzept der nationalsozialistischen Landschaft(s)Architektur, indem sie den freien und ungestörten Blick brechen. In einem mehrere Monate dauernden Prozess wurde, im wahrsten Sinne der Worte, Stück für Stück an dem Macht und Herrschaft symbolisierenden Idealbild aus Landschaft und Architektur „gekratzt“. Dem eine „erhabene Ordnung“ suggerierenden Ensemble aus Landschaft und Architektur wurde so in einem ersten Schritt der künstlerischen Arbeit Risse zugefügt. Aus kleinen Kratzern und Rissen wurden dann im Laufe der Zeit Flächen, bis die Fenster so ausgefüllt waren, dass sie den freien Blick nicht mehr zulassen. Mehr noch, sie erzwingen geradezu einen dissidenten Blick. Die Ordnung ist gestört. Landschaft und Architektur bilden keine unhinterfragbare Einheit mehr. Das Landschafts-Panorama kann nicht mehr als Ganzes überschaut, sondern nur mehr in kleinen Auszügen betrachtet werden, mehr lassen die im Glas unbearbeiteten Stellen nicht zu. Wer von Innen nach Außen schauen möchte, muss ganz nah an die Fenster herantreten und sich eine die Blicke freigebende Stelle suchen, aber auch dann bleibt der Ausblick getrübt. Neben der visuellen Wahrnehmung, dem visuellen Erleben brechen die KünstlerInnen die narrativen Strukturen auf. Wer weiter weg vor den Fenstern stehen bleibt, kann nicht nach Draußen schauen, beziehungsweise kann "das Draußen" nur als Licht, Farbe und Schatten wahrnehmen oder erahnen. Dafür eröffnet sich eine andere Perspektive. Die frei gelassenen Stellen auf den Scheiben werden als Buchstaben erkannt und die einzelnen Buchstaben werden zu Namen zusammengesetzt, bekannter und weniger bekannter Personen, deren Werke zur Zeit der Nationalsozialisten auf einen Index gesetzte wurden. Die Namen ermöglichen eine andere Lesart der Geschichte, eine andere Erzählung von den Vorgängen, die zur Errichtung der „Burg“ führten. Das Narrative, welches uns vom kolossalen Bau Vogelsang aufgezwungen wird, wird mit Hilfe des Index, der genaugenommen ein Täterdokument ist, in die Narrationen des Verbotenen überführt. Die Kenntnis der wichtigsten Werke des Index vorausgesetzt entsteht eine völlig andere Narration des Ortes, der es zu „lauschen“ gilt.


************


[In der Regel sind diese  Ansätze dann auch psychologisierend und nicht materialistisch-analytisch, (Selbst)Therapie und Pädagogik, auf "Traumbildern" basierend. Michel Foucault - oder die ganze "Coolness", die "Imagination" und die "Traumbezogenheit/Psychologisierung/Subjektbezogenheit" des späten Kapitalismus, womit sich der seltsamste "Vogegelsangkreis" gedanklich schließt, war es doch Foucault, der derartige Orte "Klinik" , "Gefängnis" - [Schule] beschrieben hat, er hat vergessen hinzuzufügen, dass seine Lehren ebensolche Monolithen der Geschlossenheit sind, die nur um den Preis der Abschottung gegen Kritik funktionieren. Wir - die mediale Bohème entdeckten die "Seele" des Ortes, und ahlten uns dabei nur in dessen designter Essentialisierung, Assimilation statt Intervention, den Ort des Schreckens "heilen", dass man sich dort wohl fühlen kann, dass man ihn endlich auch emotional "aufbricht", objektive Verbindungen und Kontinuitäten kappen, anstatt ihn in die Luft zu jagenm bzw. dem Verfall preiszugeben. (Wie einst in einer Landtagsdebatte und vom ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden - Paul Spiegel - gefordert - wie recht er doch hatte- wahrscheinlich wohl wissend, dass fast jede Bespielung, soweit sie nicht sich selbst thematisiert nur ablenken kann.), das faschistisch-kapitalistische "Trauma" "heilen",  (die Wirtschaftsordnung des deutschen Faschismus war der brutalstmögliche Kapitalismus { keine Sonderform, keine Staatswirtschaft einfach nur Kapitalismus ohne die Gewährung der geringsten ArbeitnehmerInnenrechte. Liest man gar das Wannsee Protokoll, fällt auf, dass selbst im Falle der industriellen Vernichtung von Millionen  Menschen das  typisch "Buchhalterische" eine große Rolle gespielt hat } schon durch das bewusste "nicht Wahrnehmen" dieser Tatsache, wird jede Aufarbeitung zur Farce)  durch die Verlagerung des Marktes in die "innersten Schichten des Erlebens und Wahrnehmens", das kapitalistische Zwangskollektiv ist privat-individualisierung "des" Konfliktpotentials, damit es sich gegen die Betroffenen wendet.]