:asche: bücherverbrennungen - mit videos, essentialisierung und ohne bücher

${

Loesung Form Wirklichkeit den Mix.it (
)

}

Kurzübersicht zum kulturellen Vernichtungsfeldzug der NS-Diktatur, insbesondere gegen Autoren, Publikationen und Archivgut

Die sogenannten „Bücherverbrennungen“ in Deutschland und Europa

< Vorher: Gedächtnisübungen




"Das blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün. Einen dieser Scheiterhaufen haben wir, mit bloßem Auge, brennen sehen. Das war auf den Tag genau vor einem Vierteljahrhundert, und deswegen haben wir uns heute versammelt. Es gibt Andachtsübungen, und wie es Andachtsübungen gibt, sollte es, nicht weniger ernsthaft und folgenschwer, Gedächtnis-Übungen geben. Meine Damen und Herren, wir sind zu einer Gedächtnis-Übung zusammengekommen. […] eine Gedenkstunde soll eine Gedächtnisübung sein, und noch etwas mehr. Was hülfe es, wenn sie nur der Erinnerung an arge Zeiten diente, nicht aber der Erinnerung an unser eigenes Verhalten? Das heißt, hier und jetzt, für mich nicht mehr und nicht weniger: an mein Verhalten? Ich bin nur ein Beispiel neben anderen Beispielen. "
[…]
Ich hatte angesichts des Scheiterhaufens nicht aufgeschrien. Ich hatte nicht mit der Faust gedroht. Ich hatte sie nur in der Tasche geballt. Warum erzähle ich das? Warum mische ich mich unter die Bekenner? Weil, immer wenn von der Vergangenheit gesprochen wird, auch von der Zukunft die Rede ist. Weil keiner unter uns und überhaupt niemand die Mutfrage beantworten kann, bevor die Zumutung an ihn herantritt. Keiner weiß, ob er aus dem Stoffe gemacht ist, aus dem der entscheidende Augenblick Helden formt. Kein Volk und keine Elite darf die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, daß im Ernstfall, im ernstesten Falle, genügend Helden zur Stelle sein werden. Und auch wenn sie sich zu Worte und zur Tat meldeten, die Einzelhelden zu Tausenden - sie kämen zu spät. Im modernen undemokratischen Staat wird der Held zum Anachronismus. Der Held ohne Mikrophone und ohne Zeitungsecho wird zum tragischen Hanswurst. Seine menschliche Größe, so unbezweifelbar sie sein mag, hat keine politischen Folgen. Er wird zum Märtyrer. Er stirbt offiziell an Lungenentzündung. Er wird zur namenlosen Todesanzeige. Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. Das ist der Schluß, den wir aus unseren Erfahrungen ziehen müssen, und es ist der Schluß meiner Rede. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus. Als Ovidsein »Principiis obsta!« niederschrieb, als er ausrief: »Bekämpfe den Beginn!«, dachte er an freundlichere Gegenstände. Und auch als er fortfuhr: »Sero medicina paratur!«, also etwa »Später helfen keine Salben!«, dachte er nicht an Politik und Diktatur. Trotzdem gilt seine Mahnung in jedem und auch in unserem Falle. Trotzdem gilt sie auch hier und heute. Trotzdem gilt sie immer und überall.
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit."


In: Erich Kästner: Gesammelte Schriften. Band 5, S. 571f. Ansprache Kästners auf der PEN-Tagung in Hamburg am 10. Mai 1958."


Opferrolle verlassen,handeln: "Sammeln wollen wir, was den Willen zur menschenwürdigen Zukunft hat, statt den Willen zur Katastrophe; den Willen zum Geist statt dem Willen zur Barbarei …. Wer diese Dummheit und Rohheit verabscheut, bleibt deutsch …; auch wenn ihm von dem missgeleiteten Teil der eigenen Nation dieser Titel vorübergehend aberkannt wird. Eben für dieses verstoßne, für dieses zum Schweigen gebrachte, für dieses wirkliche Deutschland wollen wir eine Stätte der Sammlung sein.(...)

Exilzeitschrift "die Sammlung", herausgegeben von Klaus Mann, Ausgabe 1, Seite 1, Amsterdam, September 1933

[ "vorübergehend" ]

    I.

    Übersicht

 

 

"Sehen Sie nun ein, warum Bücher gehasst und gefürchtet werden?

Sie zeigen das Gesicht des Lebens mit all seinen Poren.

Der Spießbürger will aber nur Wachsgesichter

ohne Poren, ohne Haare, ohne Ausdruck."

Ray Bradburys, Fahrenheit 451

 

 

 

Die Bücherverbrennungen der deutschen Faschisten sind eines der fürchterlichsten Symbole, welches die Diktatur des Hitlerregimes hervorgebracht hat. Dies sind sie insbesondere deshalb, weil sie in den Kern des kulturellen Selbstverständnisses einer Kultur zielen.

 

Schon zu Beginn der nationalsozialistischen Bewegung, spätestens ab 19271, verfolgten die Nationalsozialisten eine aggressive Strategie zur Erlangung der kulturellen und geistigen Vorherrschaft, zunächst in Deutschland, ab 1939 auch in Europa2. Mit dem Vordringen der Wehrmacht brannten in zahlreichen Europäischen Kapitalen Bücher, Kunstwerke und Archivgut. Unter dem Titel „Aktion wider den undeutschen Geist“ entstand ein ritualisiertes und inszenatorisch aufgeblasenes System3 zur Vernichtung von Kulturgütern, Teil der „Organisationskunst der neuen Deutschen“4.

 

Wie wir in Teil IV sehen werden muss hier allerdings zwischen zwei sich zum Teil gegenüberstehenden Thesen zur konkreten Entwicklung hin zum 10. Mai 1933 unterschieden werden. Einerseits wird von einer mehr oder weniger direkten Beteiligung des Propagandaministeriums ausgegangen, und andererseits wird die von der „Deutschen Studentenschaft“ (DSt) initierte „Aktion wider den undeutschen Geist“ als maßgeblich angesehen. Die Motivation der rechts-konservativen DSt wird in einem Profilierungsversuch gegenüber dem „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ (NSDStB) vermutet.5 Im Endeffekt dürfte es zu einem gegenseitigen Hochschaukeln in der konkreten Situation gekommen sein.

 

Die NS-Führung wird „Anregungen“ aus der DSt aufgegriffen haben, um dann schließlich die organisierte und ritualisierte Vernichtung von Schriftgut in das eigene Propagandainstrumentarium aufzunehmen. Ziel der institututionalisierten Form war die Neuordnung der Universitäts- Volks- und sonstiger Bibliotheken im „Reich“.

Die Rolle der DSt ist insofern interessant, da sie eine nicht direkt nationalsozialistische, sondern eine rechtradikale bis rechtskonsevative Strömung verkörpert, wie wir sie heute bei einigen populistischen Formationen der bürgerlichen Rechten finden. Bereits in den 20er Jahren berichtet die seinerzeit beliebte Jugendzeitschrift „Der gute Kamerad“ von rechtsradikalen Kundgebungen:



„Jugendliche mit Wimpeln, in Zivil mit Schillerkragen, um ein nächtliches, loderndes Feuer – 'Kundgebung Berliner Jugendverbände gegen die Schundliteratur, wobei auf einem riesigen Scheiterhaufen Schundbücher verbrannt wurden'“6

 

Als sicher kann angenommen werden, dass es sich bei den Aktionen der DSt nicht allein um einen studentischen, zufallsdeterminierten Vandalismus gehandelt hat, vielmehr muss von einem planvollen Vorgehen ausgegangen werden, welches von dem der DSt eigenen „Hauptamt für Presse und Propaganda“ koordiniert wurde.

 

Auf Seiten der offiziellen Staatsführung nach 1933 war insbesondere der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg eine zentrale Figur im Kulturbetrieb des „dritten Reiches“.7

Auch bei der Organisation der Vernichtung von unliebsamen Kulturgut in Deutschland und Europa8 spielten seine Dienststellen eine entscheidende Rolle. Die ihm unterstehenden Dienststellen waren so zahlreich und unübersichtlich, dass sie verallgemeinernd als das „Amt Rosenberg“ bezeichnet wurden. 9

Nach gegenwärtigem Forschungsstand kann das „Amt Rosenberg“ in folgende Dienststellen unterteilt werden:

  • Amt Schulung

  • Amt Kunstpflege

  • Amt Schrifttumspflege

  • Abteilung für Vor- und Frühgeschichte

  • Archiv für kirchenpolitische Fragen

  • Abteilung Wissenschaft

  • Amt Juden- und Freimaurerfragen

  • Aufbauamt

 

Das „Amt Rosenberg" spielte nicht nur im Zusammenhang mit der Vernichtung von Kulturgütern eine entscheidende Rolle, sondern es plante und überwachte auch die Einrichtung von Eliteschulen und Universitäten nach Führererlass.10

 

Die Brandmarken der Nationalsozialisten haben eine lange, oft weniger spektakuläre Vorgeschichte und stellen sich so als ein Prozess dar, der in den jeweiligen konkreten Aktionen seinen spektakulären Höhepunkt erfuhr, so Teil einer gezielten Propagandamaschinerie war, welche mit Hilfe von archaischen Symbolen den Machtanspruch auf äußerst dramatische Art und Weise festigen und ausbauen sollte.

 


„Es bedurfte nach dem 30. Januar 1933 nicht viel, um die studentische Selbstgleichschaltung zu vollenden. Und als die deutsche Regierung im März die Errichtung eines 'Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda' beschloss, dauerte es wenige Tage, bis auch die Studenten sich ein eigenes 'Hauptamt für Presse und Propaganda der deutschen Studentenschaft' genehmigten. Und gleich in seinem Rundschreiben No. 1 vom 6. April 1933 kündet der Leiter des Amtes, nachdem er unter Punkt 1 die Gründung des Amtes bekanntgegeben hat, unter Punkt 2 folgendes an 'Die erste Maßnahme des Propagandaamtes, die die gesamte Studentenschaft und die gesamte deutsche Öffentlichkeit erfassen soll, findet als vierwöchige Gesamtaktion, beginnend am 12. April, endigend am 10.Mai 1933, statt. Näheres über den Inhalt wird noch bekanntgegeben.'“ 11


 

Am 8. April 1933 erfuhr man Genaueres über die in der Bekanntmachung vom 6. April angesprochene Aktion:

 

„Öffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums durch die Studentenschaft der Hochschulen aus Anlaß der schamlose Hetze des Weltjudentums gegen Deutschland.“ 12

 

Auch mit konkreten Handlungsanweisungen geizte das 'Hauptamt für Presse und Propaganda der deutschen Studentenschaft' nicht:

 

Die eigenen Buchbestände 'von derartigen durch eigene Gedankenlosigkeit oder Nichtwissen hineingelegten Schriften' zu 'säubern'. Zweitens habe jeder Student die Regale seiner Bekannten zu säubern. Drittens sollen die Studentenschaften dafür sorgen, dass öffentliche Büchereien 'von derartigem Material befreit werden'. Viertens habe jeder innerhalb seines Einflussbereiches 'großzügige Aufklärungsaktionen' zu übernehmen. 13


Auch wenn dies im Rahmen dieses Textes zu weit führen würde, muss hier angemerkt werden, dass die Nationalsozialisten mit ihren Aktionen historisch nicht allein stehen. Sie waren weder die „Ersten“, noch die „Letzten“, die Bücher als Träger von Wissen und Kultur nach bestimmten Selektionsmechanismen „ausmerzen“ wollten. Von der Antike bis in das 21. Jahrhundert finden sich Aktionen, die direkt auf die Vernichtung von Wissen und Kultur in der Form der Vernichtung von Schriftgut zielen. Auch wäre es zu kurz gegriffen, hier ausschließlich an Bücher im klassischen Sinne zu denken. Das Ziel der Vernichtung sind neben Büchern und Zeitschriften vor allem auch Archivdokumente wie Urkunden, Protokolle und sonstige Dokumente.

 

„'Our memory no longer exists. The cradle of civilization writing, and law has been burned. Only ashes remain' These are the Words of a professor of mediaval history in Baghdad: a few days later he was arrested for the belonging to the Baath Party. He spoke as he left the modern university building, where every single book in the library had been looted. “ 14



„In 1999, I went to Sarajevo with an investigating team and saw the ruins of the National Library, situated in the town hall known as the Vijecnica. Prior to its deliberate firebombing, it haoused 1.5 Million volumes, including over 100.000 manuscripts.“15



„In 2000, i visited several cities in Columbia whose libraries had been destroyed by the civil war ravaging the country...“16



„The most famous Roman book collector was perhaps Serenus Sammonicus, owner of a library containing 62.000 thousand books – all lost in the chos following his assasination. “17



„Nothing remained of the collections of the Council of State, the Hôtel de Ville, or, most important, the twenty-four thousand richley bounded and odd works, the typographical masterpieces that had been collected at the Louvre by a succession of its former occupants, both kings and proncesses“18



„In 1530, in Texcoco, Zumà made a bonfire of all the writings and idols of the Aztecs. His Act of destruction had enormous repercussions: all witnesses understood that his intention was to erase the past and open the way for a new era. Juan Bautitsta Pomar recounts that among the greatest losses were Mayan paintings 'in which they had their historie, because at the time the Marquis del Valle [Hernándo Cortez] first entered Texcoco, they where burned in the royal houses of Nezahualpiltzintli, in a large depositary which was the general archive of their papers '“19



„On May 10, the members of the Association of German Students gathered up all forbidden books (...) were transported to the Opernplatz. In all, over 25.000 Books piled up.“20



Diese Aufzählung ließe sich um zahllose Einträge ergänzen. Immer geht es um einen Angriff auf unliebsame, oppositionelle Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, oder deren Arbeiten. Es geht um die Auslöschung einer Geschichte, die sich nicht in die Logik der neuen Herrscher fügt. Es geht darum die Geschichte der eigenen Ideologie anzupassen, um diese als einzige Wahrheit erstrahlen zu lassen.

 

Im Endergebnis wird durch die konsequente Vernichtung kultureller „Gedächtnisinhalte“ einer Kultur der Versuch unternommen eine formale und lineare Geschichtslogik herzustellen um damit die eigene Herrschaft als logische und historisch einzig mögliche Konsequenz erscheinen zu lassen.

 

Die eigentlichen Inszenierungen symbolischer Theatralik, die sich in den konkreten "Bücherfeuern" manifestieren, sind die sichtbare Handlung, die als ritualisierte „Feierstunde“ eines „neuen Aufbruchs“ inszeniert wird, die die Anhänger zusammenschweißt, und die Gegner einschüchtert. Insbesondere bei den Nationalsozialisten muss davon ausgegangen werden, dass die Bücherverbrennungen den Machtanspruch über den „öffentlichen Raum“ zementiert haben, um Demokraten physisch und intellektuell aus diesem zu verdrängen.

 

Im Folgenden wollen wir uns auf die Betrachtung der "Bücherverbrennungen" in Deutschland konzentrieren.

 

II.
„Abteilung Dichtkunst“ – der Kampf um kulturelle Vorherrschaft bis 1933

 

 

In den finsteren Zeiten

Wird da auch gesungen werden?

Da wird auch gesungen werden.

Von den finsteren Zeiten.“

 

Bertolt Brecht , Svendborger Gedichte

 

 

 

Theodor Verweyen betitelt den 3. Abschnitt seiner Vorlesung „Bücherverbrennungen“ vollkommen zurecht mit

 

„Kontinuität und Singularität: Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933“21

 

Die in dieser Überschrift anklingende inszenatorische Qualität, die Steigerung also von einem Kontinuum aus weniger prägnanten Prozessen hin zu einem einzelnen martialischen, rausch- und symbolhaften Ereignis ist ein typisches Merkmal der ritualisierten nationalsozialistischen Machtpolitik, wie sie uns auch in der furchtbaren Progromnacht vom 09. November 1938 begegnet.

 

Schon der 30. Januar 1933 formte den öffentlichen Raum zu einer Bühne politischer Rituale, zu deren wiederkehrenden Requisiten Feuer und die Nacht gehören.

 

Was sich nun auf der Straße als beinahe „pöbelhafte“, „mobartige“ Situation darstellte, entsprang als „Aktion wider den undeutschen Geist“ ausgerechnet der Universität, der „Geistinstitution par exellence“22.

 

Einer der wichtigsten intellektuellen Brandstifter war der 1933 nach Berlin gewechselte Professor für Philosophie und politische Pädagogik Alfred Bäumler 23.

 

Im Schriftenverzeichnis Bäumlers, der als glühender Apologet des Nationalsozialismus gelten muss, finden sich insbesondere „philosophisch“ motivierte Arbeiten, die der nationalsozialistischen Ideologie zu einem intellektuellen, weit in die Geschichte zurückreichenden Fundament verhalfen. Zu nennen ist hier insbesondere der Titel „Hellas und Germanien, 1937“. Darüber hinaus gehörte Bäumler bereits 1930 zum von Rosenberg inspirierten „Kampfbund für deutsche Kultur“. Im „Völkischen Beobachter“ erschienen Artikel von Bäumler.

 

Nachdem Bäumler 1933 nach Berlin berufen wurde, hielt er am 10.Mai 1933 seine Antrittsvorlesung. Der Aufgalopp Bäumlers war Manifest. Eskortiert von drei SA – Leuten mit Hakenkreuzfahne24, vor einem völlig überfülltem Hörsaal, rief er zum Kampf:


„(...)Sie ziehen jetzt hinaus, um Bücher zu verbrennen, in denen ein uns fremder Geist sich des deutschen Wortes bedient hat, um uns zu bekämpfen.“25

 

Nicht nur die Bücher werden angegriffen, es wird ein fremder Geist beschworen, der nicht deutsch sein kann, der die deutsche Sprache missbraucht, dies ist der Ausschluss, nicht nur der Bücher, sondern auch der Autoren aus der „Volksgemeinschaft“.

 

Diese gleichsam „Undeutschmachung“, dieser Bannspruch, ist, wie wir sehen werden, Teil eines immer wiederkehrenden Rituals. Der „Hohepriester“ Bäumler setzte sich dann, nach Abschluss seiner Vorlesung, an die Spitze eines studentischen Demonstrationszuges der gegen 23:00 Uhr am Berliner Opernplatz eintraf um „die Giftstoffe“ „abzutun“. 26

 

Die Brandrede hielt Joseph Goebbels. Diese Rede war jedoch mehr als eine „Begleitkanonade“ zu den Scheiterhaufen aus Büchern. Goebbels trat in dieser symbolischen Aktion als Minister des neu gegründeten Propagandaministeriums auf, und „befahl“ den Professoren und Studenten, die Bücher den Flammen zu übergeben.

 

Wie Hildegard Brenner anmerkt, betrat Goebbels, hier in Gestalt des Propagandaministers, im Feuerschein der Bücher, die Ebene der Kunst- und Kulturpolitik und wurde mit dem neuen Ministerium für Propaganda zum letztinstanzlichen Entscheider der neuen Kunst- und Kulturpolitik.27

 

Jene Mainacht war das martialische, mediengerecht und perfekt inszeniertes Symbol einer neuen Kulturpolitik, welches durch die rohe Gewalt seiner Form keinen Zweifel über die wahren Absichten des Hitler-Regimes aufkommen lassen konnte.

 

Im Rahmen dieses Textes kann nur skizziert werden, in wie weit innerhalb maßgeblicher Institutionen der intellektuellen Eliten der Weimarer Republik auch jene Widersprüche und Konflikte wirkmächtig waren, die die Lähmung der anti-faschistischen Kräfte in entscheidenden Phasen des Übergangs von der Weimarer Republik zum dritten Reich markierten. Entscheidend in diesem Zusammenhang dürfte die sogenannte „Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste“ gewesen sein. Wenige Tage vor dem 10.Mai wurde die 1926 gegründete Sektion zum Schweigen gebracht.28 Auffällig war, dass bereits zur Gründung heftige „Gründungs- und Verfassungskämpfe“ tobten. Max Liebermann benannte folgende Kanditaten: Gerhart Hauptmann, Arno Holz, Stefan George, Thomas Mann und Ludwig Fulda. Hauptmann und Holz lehnten die Aufnahme ab, Berthold Brecht etwa, wurde gar nicht erst gefragt. Schon hier fällt ein deutliches Übergewicht der bürgerlichen bis konservativen Richtung auf. 29

 

Im weiteren Verlauf kam es, in der bereits eskalierenden Situation der Weimarer Republik, zu heftigst ausgetragenen Konflikten um die literarische Ausrichtung der neuen Akademie-Sektion. Die beiden Pole Dichtung aus der Landschaft, im weitesten Sinne „Blut und Boden“ Dichter, nationaler oder nationalistischer Prägung, und Autoren der Stadt, der Industrialisierung, standen sich zunehmend unversönlich gegenüber. Vereinfachend gesprochen, kreist der Konflikt um die Adjektive „volksnah“, „deutsch“ versus „kritisch“, „zersetzend“.30 Der Wortführer der nationalistischen Gruppierung war der böhmische Autor Erwin-Guido Kolbenheyer. In seiner Rede „Die Möglichkeiten einer Dichterakademie“ führt er im Rahmen einer Vollversammlung am 13/14 Oktober 1930 aus:

 

„Die spezielle Ursache unserer falschen Grundeinstellung heisst Berlin. (...) Es scheint mir ausgeschlossen, daß sensible Naturen, die wir eben sein müssen, um unsere Werke zu schaffen, sich dem aufjagenden Hetztempo dieser Stadt entziehen können – dieser Stadt, in der wohl ein Großteil aller Leistung Betrieb um des Betriebs und nicht der Sache willen ist.“31



Natürlich diffamiert Kolbenheyer hier das pulsierende Leben der Großstadt, fordert indirekt eine Rückbesinnung auf die Ruhe, die Natur, die den „sensiblen Seelen“ der Dichter viel eher entgegenkommt; eine tiefgreifende Skepsis gegen die Moderne, gegen die Möglichkeiten und Widersprüche der Großstadt als Quelle schöpferischer Prozesse. Alfred Döblin konterte auf der selben Vollversammlung:

 

„(...) zugehörig zu dem wahren Berlin, zu dem von Kolbenheyer tief verkannten, zu dem unbekannten und für flüchtge Besucher unsichtbaren Berlin, wo alles in ungeheurer, selbstaufopfernder Anspannung um der Sache willen geschieht und nichts um des Betriebs willen. In die Stadtgegenden, in die viele Fremde zuerst und oft ausschließlich kommen, wo Verschwendung, Müßiggang und Snobismus zu sehen sind, gelangen wir, die wir bis zur Erschöpfung arbeiten, kaum in Wochen einmal.“32

 

Den heraufziehenden Kulturkampf, begleitet vom Straßenkampf in der Weimarer Republik, kann man kaum deutlicher skizzieren. Die fortschrittlichen, demokratischen, sozialistischen Kräfte geraten unter Zugzwang, die Nationalisten und „Blut und Boden Apologeten“ radikalisieren sich, bis sie in eine große Nähe zur NSDAP geraten. Wobei nicht immer auszumachen ist, wie nun die Bewegungsrichtung verläuft, ob nun die NSDAP Inhalte der Rechtskonservativen übernimmt, oder umgekehrt.

 

Die Radikalisierung und Fortführung der Debatte um die sogenannte „Dichterakademie“ fand in einem Artikel Döblins, der am 25.01.1931 in der liberalen „Vossischen Zeitung“ erschien eine Fortsetzung. Döblin zieht hier, also nach kaum 5 Jahren, bereits eine „Bilanz der Dichterakademie“, auffällig ist, dass sein Beitrag zu einem Gutteil um den Begriff „Schutz der Geistesfreiheit“ kreist:

 

„Sie wehrt jeden Angriff auf die Geistesfreiheit ab und unterstützt nichts, was die Geistesfreiheit einschränken will. Sie lässt sich von keinem Diktaturgelüste mißbrauchen. Sie schützt nichts, was ihr an den Hals will und nennt die Barbarei Barbarei! Sie muß Organ, aber auch – wie im alten China – Zensur des Staates sein.“33

 

Auffällig ist, dass Döblin hier eine wissenschaftliche oder literarische Form verlässt und den Ton eines Manifestes anschlägt.

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum 30.01.1933 begann der Auszug der bürgerlichen, sozialistischen und liberalen Mitglieder aus der Sektion Dichtkunst, sowie aus der Akademie der Künste insgesamt. Käthe Kollwitz trat, wie Heinrich Mann am 15.2. aus. Dies war auch das Ergebnis eines unmittelbar einsetzenden Drucks der neuen Machthaber, die innerhalb der Akademie zudem schon auf eine breite Unterstützung, auch in der Studentenschaft traf. 34

 

Alfred Döblin, Ludwig Fulda, Leonard Frank und der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner kritisierten den „offenkundigen Bruch mit demokratischen Umgangsformen innerhalb der Akademie“, auch dieser letzte offene Protest verhallte ungehört in den Gängen der Akademie.

 

Im März kursierte eine von Gottfried Benn verfasste Loyalitätsbekundung, die gegenüber dem NS-Regime abgegeben werden sollte. Diesen Vorgang nahmen dann Alfred Döblin, Thomas Mann und Alfons Paquet und Ricarda Huch zum Anlass, die Akademie zu verlassen.35 Besonders interessant ist die Austrittserklärung von Ricarda Huch. Bis auf diese wenigen stimmten die anderen Mitglieder der Benn'schen Loyalitätsbekundung zu. Die Abteilung Dichtkunst wurde zum wichtigen Ausführungsorgan Nationalsozialistischer Kulturpolitik. 36

 

Lange vor der Nacht des 10.05.1933 waren:

 

  1. die wichtigsten Autoren aus der Akademie ausgetreten und

  2. die Akademie zum geistigen Mittäter der Nationalsozialistischen Herrschaft geworden.

     

    Die Quellenlage hinsichtlich der Studentenschaft ist recht dünn, allerdings zeigen bereits Eingangs angeführte Quellen, sowie beispielsweise der Bericht der NZZ, dass hier kaum Widerstand erfolgte, im Gegenteil, die neue „Blut und Boden“ Akademie wurde gefeiert, die Apologeten der „Neuen Zeit“ bejubelt.

    Dies also ist die Stimmung, die im Frühjahr 1933 im universitären Umfeld herrschte. Im weiteren Verlauf erfolgten sehr konsequente und rasche Säuberungsaktionen, die auch die weniger bekannten MitarbeiterInnen der Akademien und Universitäten erfasste. Insgesamt lässt sich eine durchaus organisierte Vorgehensweise feststellen.

 

Die bereits erwähnte Ernennung des völkisch-nationalen „Dichterfürsten“ Alfred Bäumler zum 10. Mai 1933 schließlich scheint den Verdacht einer bewussten Lenkung der Aktionen, durch das neue Propagandaministerium unter Joseph Goebbels als sehr wahrscheinlich erscheinen. Allerdings fanden sich nach gegenwärtiger Quellenlage keine Dokumente, die eine direkte Beteiligung des Propagandaministeriums oder der Person Joseph Goebbels erhärten.

 

So merkt Schöne in ihrem Beitrag „Göttinger Bücherverbrennungen“ an:

 

„Wohl hat sein [Goebbels] Ministerium die Verbrennungen finanziell unterstützt, und möglicherweise hat man die Säuberung der Dichterakademie zeitlich auf sie abgestimmt; gewiß hat Goebbels sie gebilligt, und gänzlich ausschließen kann man nicht, daß er ein Initialkommando gab, welches vorsichtshalber nicht auf schriftlichem Wege erfolgte. Alles, was bisher bekannt ist spricht freilich dafür, daß die Bücherverbrennungen in unseren Universitätsstädten tatsächlich ein eigenständiger Beitrag der 'deutschen Studentenschaft' zur nationalsozialistischen Kulturrevolution war.“ 37

 

Letztlich lässt sich allerdings durchaus eine NS-typische Strategie erkennen: Scheinbar von unten initiierte Aktionen treffen auf eine mindestens wohlwollende Führung in den wichtigsten Regierungsämter. Weiter hielt sich die Exekutive, also etwa die Polizei,auffallend zurück und ließ den „geistigen Mob“ gewähren. So kann zum Fazit dieses Aspektes der Vorgeschichte werden:

 

„Völkisch-nationale und nationalsozialistische Anschauungen waren bereits lange vor dem 30.01.1933 an deutschen Hochschulen durchsetzungsfähig geworden (...) Die Deutsche Studentenschaft begriff sich als 'geistige SA', die sich vom Boykott jüdischer Geschäfte am 01.04.1933 inspirieren ließ und an die Spitzen der kulturellen Erneuerungsbewegung treten wollte.“38

 

Die eigentliche Vernichtung und Entfernung sämtlicher geächteter Werke aus den öffentlichen Bibliotheken und aus dem Buchhandel folgte in den folgenden Monaten und Jahren nach der Verbrennung auf dem Opernplatz in Berlin.

 

 

Der öffentliche Raum wurde akribisch von allen geächteten Büchern „gesäubert“.



In Privatbibliotheken waren es vor allem die Bestände aus geraubten und geplünderten Bibliotheken von Bürgern jüdischen Glaubens, die der nationalsozialistischen „Kulturrevolution“ zum Opfer fielen.

 

III.
„Brandkommandos“ – organisierte Vernichtung von Kulturgut in Europa

 

For us it was a matter of particular pride

destroying the Talmudic library

We had thrown the gigantic library out of the

building and had it transported

to the market square to set it on fire“

 

 

Frankfurter Zeitung

vom 28.3.1941,
Bericht eines „Brandkommando“-

Mitgliedes, der an den Bücherverbrennungen in

Lublin beteiligt war.

 

 

Als das NS Regime 1939 Polen überfiel und damit den zweiten Weltkrieg auslöste, setzte sich die kulturelle Zerstörungswut über die Grenzen des Reiches hinaus fort. Hier kann nur auszugsweise skizziert werden, wie dieser kulturelle Eroberungsfeldzug, der unter der Leitung des sogenannten Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR)39 stand, dem eigentlichen Krieg der Wehrmachtstruppen folgte.

Dieses Vorgehen ist symptomatisch. Zunächst wurden in der Regel jüdische Einrichtunge und deren Bibliotheken vernichtet, beinahe unnötig zu erwähnen, dass es gerade diese Institutionen waren, die über einen reichen bibliographischen Schatz verfügten, und sich vor allem in Deutschland selbst, sowie in Osteuropa fanden.

Doch auch in Westeuropa überrollte die Nazi-Maschinerie Bibliotheken, den Buchhandel und Privatbibliotheken von Bürgern jüdischen Glaubens:

 

„In 1940, Holland suffert unprecented looting. In September 1940, the Kloss library of the Institute of Social History (...). Amsterdam's Rosenthal Library, with 100.000 volumes, was seized The Archiv of the Woman's Movement was sacked, as was that of the Theosophic Society, which had works in Sanskrit. The Beth-Hamidrasch Etz Chaim liberayin Amsterdam, founded in 1740 an with a collection of 4000 volumes, was ransacked. Then Israel Seminary of Holland with 4300 volumes in Hebrew and 2000 on Jewish subjects was destroyed, as was the Jewish Literary Society, with it's precious manuscripts collection covering the period 1480-1560. Between 1942 and 1944, 29000 deported Jews lost one million Books.“ 40

 

Damit nicht genug: der barbarische „Vernichtungsfeldzug“ der neuen „Elite“ gegen kulturelle Güter, von Büchern über Archivgut, über Kunstwerke, bis hin zu ganzen Bibliotheken und Sammlungen setzte sich weiter fort. Frankreich wurde am 2. Mai 1940 besetzt, am 3. Juni wurde Paris bombadiert. Elf Tage später marschierten deutsche Truppen über die Champs-Èlysees. Insgesamt wurde in der Folgezeit 723 Bibliotheken geplündert 1.767.108 Bücher wurden konfiziert. 41

 

Zwischen 1940 und 1942 griffen deutsche Bomber viele englische Städte an, besonders hart wurde Coventry getroffen, etwa 100.000 Bücher fielen den Bombardements auf Coventry zum Opfer. Die zentrale Leihbibliothek Liverpools wurde vollkommen zerstört. 42

 

Natürlich tobten die „Brandkommandos“ auch in der UdSSR, hier am Beispiel der Region um Moskau:

 

„A total of 112 libraries, four museums, and fifty-four theaters were destroyed around Moscow. Tolstoy's House-Museum in Yasnaya Polyana was looted and several manuscripts burned.“43

 

Im weiteren Verlauf des Krieges wurden sogenannte Brandkommandos gebildet, die gezielt und hochorganisiert vorgegangen sind. Wie genau diese „Brandkommandos“ vorgegangen sind lässt sich einem Artikel der Frankfurter Zeitung vom 28. März 1941 entnehmen:

 

„For us it was a matter of particular pride destroying the Talmudic library … we had thrown the gigantic library out of the building and had it transported to the market square to set it on fire, which lasted twenty hours. The Jews of Lublin were gathered all around and weeping bitterly, to the point of almost deafening us with their cries. We had a military band come over, and with their shouts of joy the soldiers drowned out the sobs of the Jews.“44

 

Unverkennbar ist hier der politische Anspruch der Aktionen, einerseits ein Propagandabericht für die Heimat und andererseits ein klares Signal in Richtung der jüdischen Gemeinden, und etwaiger Gegner der nationalsozialistischen Politik. Vor den Augen der Gemeinde werden die kulturellen Schätze verbrannt, und um das Klagen und Protestieren der Gemeindemitglieder zu übertönen, wird eine Militärkapelle aufgeboten.

 

Es gibt keine genauen Zahlen, wieviele Bücher nun verbrannt wurden, viel entscheidender als Zahlen sind aber auch die erkennbaren Prinzipien des kulturellen Vernichtungsfeldzuges des NS-Regimes:

     

  • Die Feuer selbst dienten nicht nur der Vernichtung, sondern vor allem auch der Einschüchterung des politischen Gegeners, oder der verfolgten Minderheiten.

     

  • Die geächteten Bücher und Schriften wurden aus den öffentlich zugänglichen Beständen entfernt, sie wurden nicht immer verbrannt oder zerstört.45

     

  • Die Nationalsozialisten entwickelten unter Beteiligung von SS und Wehrmacht ein hochorganisiertes System zur Vernichtung kulturell unerwünschter Materialien, welches dem „Amt Rosenberg“ unterstellt war. Der Begriff der sogenanten „Brandkommandos“ ist hier entscheidend.

 

Wie wir nun im letzten Abschnitt sehen werden, entwickelte das Propagandaministerium nicht nur einen technischen, sondern auch einen mythologisch – esoterisch, also inhaltlich aufgeladenen Ablaufplan für die Bücherverbrennungen.

 

IV.

Bücherverbrennungen – nationalsozialistisches „Kulturritual“

 

Die Staatsregierung versammelt sich im Rektorat

und begibt sich zwischen 7h45 und 8h in den Lichthof.

Die gesamte Feier wird auf den Bayerischen Rundfunk

und dessen 3 Nebensender übertragen.

Die Übertragung beginnt pünktlich um 8h.“

 

Aus einem Brief der Studentenschaft München

vom 24. April 1933 in dem der

genaue Ablauf einer Bücherverbrennung

im Vorfeld abgestimmt wird.

 

 

 

Am 10. Mai 1933, kaum 4 Monate nach der politischen Machtübernahme durch die NSDAP, loderten in Berlin und vielen anderen deutschen Universitätsstädten Feuer, deren Flammen sich aus Büchern speisten. Die Institutionen der Wissenschaft, der Kultur und der Kunst wurden selbst, durch eigene Hand, zum grotesken Schauplatz eines Rituals, welches die „geistige“ Machtergreifung einer verbrecherischen Elite feierte.

 

Berlin, 10.Mai (Tel. unseres O-Korr)



"Am Mittwoch bot sich den Berlinern eines der erstaunlichsten Schauspiele, die man im zwanzigsten Jahrhundert noch erleben kann. Mitten in der Stadt loderte ein brennender Scheiterhaufen mit 20.000 Büchern zum Himmel empor. Der Erfolg, den die deutsche Studentenschaft mit ihren Requisitionen bei den Leihbibliotheken und Buchhändlern erzielte entspricht der Länge der schwarzen Liste, die gegen 200 Namen von Dichtern und aufzählt.46"

 

Schlaglichtartig richteten sich die Augen und Ohren der Presse auf dieses Ereignis. Fernündlich übertragen dürfte die Berichterstattung über dieses Ereignis mit den heutigen Brennpunkten und Sondersendungen des Fernsehens vergleichbar sein.

 

Die Stimmung an jenem Abend wurde auch durch einschlägige Gesänge, den sogenannten „Feuersprüchen“ bestimmt:

 

„Soon a mob gathered arround the students who sang an anthem that made a great impression on the spectators. Each stanza began with an ideological maxim and ended with the name of an author whose works where to be burned. For example:



Against the materialist, utilitarian class.

For a community of people and an ideal form of life.

Marx, Kautsky“47



Wir haben es mit einem geplanten und organisierten, ja rituellen Vorgang zu tun, der den Höhepunkt einer viele Jahre zuvor im Umfeld der Universitäten und Akademien begonnenen Auseinandersetzung um kulturelle und intellektuelle Vorherrschaft markiert.

 

Es wundert nun wenig, dass mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nun auch die Geistige SA ungehindert zuschlagen konnte und ihren Sieg ausgiebig feierte:

 

„Die Verbrennungsfeiern wurden überall nach dem selben reichseinheitlichem Schema unter Beteiligung der Rektoren und Hochschullehrer sowie großer Teile der Bevölkerung durchgeführt“48

 

Wie bereits im ersten Abschnitt geschildert dürfte die gezielte Planung und ritualisiert-organisierte Durchführung der Bücherverbrennungen zu einem Gutteil auf die Planungen der DSt zurückgehen, doch schon in der Nacht des 10. Mai 1933 wurde von Seiten der Staatsführung, in Person des Propagandaministers Joseph Goebbels, an das von der DSt entworfene Szenario angeknüpft.

 

Im öffentlichen Raum tauchten die 12 Thesen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ zuerst am 13. April 1933 als ein Anschlag von 47,5x70 cm auf. Auf weißen Hintergrund war in leuchtend roter Farbe die Schlagzeile „Wider den undeutschen Geist!“ zu lesen, es folgten die 12 Thesen49.

 

Im weiteren Verlauf kam es dann zu den ersten „Verbrennungsfeiern“, deren Ablauf immer weiter verfeinert wurden, so dass diese schließlich in Berlin und im „Reich“ „überall nach demselben reichseinheitlichem Schema unter Beteiligung der Rektoren und Hochschullehrer“50 durchgeführt wurden. Es kamen differenzierte Propagandainstrumente zum Einsatz, die vom der DSt eigenen „Hauptamt für Presse und Propaganda“ koordiniert wurden. Hierzu zählten:

 

„Säulenanschlag; Plakat; Flugblatt;Artikeldienst; Sonderartikeldienst in Bezug auf die Bücher-Konfiszierungsaktionen; Anlegen „Schwarzer Listen“ und Bücher-Sammelaktionen häufig kultusministerielle Unterstützung; zudem stellten sich bei den sog. „Säuberungsaktionen “ in vielen Bibliotheken aller Art Administration und die Polizei vor Ort zur Verfügung (erinnert sei an die „bruciamenti della vanità“ Savonarolas und anderer Bettelmönche);vor den Sammlungsaktionen fanden nicht selten Kundgebungen statt, auf denen die Zielsetzung erläutert wurde – um ein Beispiel zu geben: An der Universität München versammelten sich Studenten und Lehrkörper am Nachmittag des 6. Mai im großen Lichthof; der Führer der Studentenschaft, Karl Gengenbach, deutete die „Aktion wider den undeutschen Geist“ als erste Maßnahme, um „die nationale Revolution auf die Hochschule zu übertragen“, und führte dann aus „Volkskultur soll volksgebunden, rein und deutsch sein, sie kann niemals auf dem Asphalt wachsen, weil Asphalt den Geruch der Erde erdrückt. Heinrich Heine ist ins Feuer zu werfen und durch Eichendorff zu ersetzen“51

 

Nach den ersten Verbrennungen wurde das System verfeinert, und schon bald unter offizieller Beteiligung der neuen Staatsführung durchgeführt. Angesichts der ungeheuren Mengen an Büchern - „schätzungsweise 10.000 Zentner Bücher und Zeitschriften beschlagnahmt“ meldet der Berliner Polizeibericht vom 20. Mai 1933 – war eine bessere Organisation dringend erforderlich. Hervorgetan hat sich hier der Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann, der die sog. „Schwarze Liste (Schöne Literatur)“ mit dem „Hauptamt für Presse und Propaganda“ der DSt koordinierte. Wolfgang Herrmann war es auch, der die Institutionalisierung der Büchervernichtung in Form des „Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien“ weiter vorantrieb. Der zuständige Minister Rust genehmigte die Liste Herrmanns am 10.Mai 1933. Damit wurde sie Amtlich und trug nun die Bezeichnung „Amtliche Schwarze Liste für die Volksbüchereien in Preußen (Schöne Literatur).“ Es waren in ihr 131 Autoren und 4 Anthologien verzeichnet.52

 

Die Liste wurde zudem Kategorisiert:

 

Gruppe 1 fällt der Vernichtung (Autodafé) anheim

Gruppe 2 kommt in den Giftschrank (z.B. Lenin)

Gruppe 3 enthält zweifelhafte Fälle, die eingehend zu prüfen sind, ob später zu Gruppe 1 oder 2 gehörig (z.B. Traven)53

 

Neben dem schon angesprochenen Organisationswahn der Beteiligten, spielte die Kategorisierung in verschiedene Gruppen aber auch eine inhaltliche Rolle, denn immer dann wenn ein Text aus „Gruppe 1“„dem Feuer

übergeben “ wurde, erklang besonders lauter Beifall.

 

Ein besonderer Aspekt der Verbrennungen waren die sogenannten „Feuersprüche“. Sie erst machten die Verbrennungen zu einem Ritual, zu einem gruppendynamischen Prozess, der beinahe an eine Art „Gottesdienst“ erinnert. Zur Berliner Bücherverbrennung wurde ein Katalog von Rufen entwickelt , der im Folgenden als „reicheinheitliche Schema“ übernommen wurde. 54

 

Mit den emotional und mythologisch aufgeladenen „Bücherverbrennungen“ zeigten die Nationalsozialisten, bzw .zunächst die Rechtsradikalen/Rechtskonservativen des DSt ihr feines Gespür, wenn es darum geht, die Menschen irrational gleichsam „spirituell“ zu „packen“.

 

Auffällig ist, dass die eigentlich der Rationalität, der Vernunft, verpflichtete geistige Elite des „Deutschen Reiches“ in ihrer großen Mehrheit bei diesen Spuk nicht nur bereitwillig mitmachte, sondern auch entscheidend dazu beigetragen hat, die „Aktion wider den undeutschen Geist“ rasch zu institutionalisieren, zur Blaupause zu machen.

Die Herrschaft des Nationalsozialismus begann also mit einer gigantischen Vernichtung kultureller Inhalte. Dies war die geistige Machtübernahme, die eine geistige Bankrotterklärung war.

 

Im Rahmen der Universitäten, in der inneruniversitären Auseinandersetzung, waren es vor allem nationale, rechtsradikale und rechts-konservative Kräfte, die den Nationalsozialisten den Weg bahnten. Im Ritual der Bücherverbrennung konnte sich ihr Hass auf die Moderne, auf die chaotischen, ungeordneten Metropolen, entladen. Die durchaus romantisch-revolutionäre Stimmung des Rituals „Bücherverbrennung“ entsprach voll und ganz der Vorstellung eines nun „gereinigten“, „geläuterten“, „neuen“ Deutschlands. Aus diesem Ritual entstanden im weiteren Verlauf der Institutionalisierung industriell - arbeitsteilig operierende Einheiten, die sogenannten Brandkommandos.

 

 

 

Akademie-Katalog:Haarmann, Herrmann u.a. (Hgg.):„Das war einVorspiel nur ...“. Bücherverbrennungen Deutschland 1933:Voraussetzungen und Folgen, Berlin, 1983 (Katalog der Ausstellung derAkademie der Künste vom 8.5.-3.7 1983: Nr.137).

 

Bàez,Fernando: A UniversalHistory of the Destruction of Books, From Ancient Sumer to ModernIraq, New York, 2008.

 

Barbian,Jan-Pieter:Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen,Kompetenzen, Betätigungsfelder, München, 1993.

 

Bollmus,Reinhard: Das AmtRosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf imnationalsozialistischen Herrschaftssystem. Stuttgart 1970

 

Borin,Jacqueline: Embers of the Soul:The Destruction of Jewisch Books and Libraries in Poland during WorldWar II, Libraries andCulture 28, no.4.

 

Brenner,Hildegard: DieKulturpolitik des Nationalsozialismus, Reinbek b. Hamburg, 1963

 

Faust,Anselm: Die Hochschulen undder „undeutsche Geist“. Die Bücherverbrennung am 10.Mai 1933 und ihre Vorgeschichte, in:Akademie-Katalog 137, s.o., S. 31-50

 

Hauder,Walter: Diesogenannte Reinigung. Die „Gleichschaltung“ der Sektionfür Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste1933,in: Exilforschung 4, 1986, S. 144-159.

 

Heiber.Helmut: Universität untermHakenkreuz, 3 Bde.,München, 1991

 

Jens,Inge: Dichter zwischen Rechts und Links. Die Geschichte derSektion für Dichtkunst an der Preußischen Akademie derKünste dargestellt nach den Dokumenten, München, 1971

 

Mittenzwei,Werner: Der Untergangeiner Akademie oder die Mentalität des ewigen Deutschen. DerEinfluss der nationalkonservativen Dichter an der PreußischenAkademie der Künste 1918 bis 1947, Berlinund Weimar, 1992

 

Sauder,Gerhard (Hg.): DieBücherverbrennung. Zum 10.Mai 1933, München/Wien,1983

 

Stockhorst,Erich: 5000 Köpfe: Wer warwas im dritten Reich, Kiel, 1998

 

Strätz,Hans-Wolfgang: Die studentische „Aktion wider denundeutschen Geist“ im Früjehr 1933, in Vierteljahresheftefür Zeitgeschichte 16, 1968, S. 347-372

 

Strätz,Hans-Wolfgang: Die geistige SA rückt ein. Diestudentische „Aktion wider den undeutschen Geist“ imFrüjahr 1933, in: Walbeer, s.u., S. 84-114.

 

Schöne,Albrecht: GöttingerBücherverbrennung 1933. Rede am 10.Mai 1983 zur Erinnerung andie „Aktion wider den undeutschen Geist“ im Früjahr1933, Göttingen,1983

 

Polastron,Lucien X.: Books on Fire-The tumultuous story of the worldsgreat libraries, London, 2007.

 

Walberer,Ulrich (Hg): 10. Mai 1933, Bücherverbrennung inDeutschland und die Folgen, Frankfurt a. M., 1980

 

Weidermarmann,Volker: Das Buch der verbrannten Bücher, Köln,2008.

 

Verweyen,Theodor: Bücherverbrennungen: eine Vorlesung aus Anlassdes 65. Jahrestages der „Aktion wider den undeutschen Geist“,Heidelberg, 2000

 

 

1 Verweyen, S. 150

 

Im damaligen Deutschland tobte seit längerem ein kultureller Streit zwischen verschiedenen Richtungen innerhalb der Literatur. Vereinfachend kann unterschieden werden zwischen großstädtisch, industriell geprägten Autoren der Moderne, und eher ländlich, national-konservativ geprägten Autoren, die in Kolbenheyer ihren Wortführer fanden.

 

2 Bàez, S. 212

3 Verweyen, S. 167

4 Anselm, S. 38

5 Verweyen, S. 158

6 Heiber: Bd. 1, S.593

7 Bàez, S. 212

8 Ebd., S. 213

 

Rosenberg konfiszierte für das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ Bücher und Schriften die in die Große Bibliothek der sogenannten „Hohen Schule“, einer geplanten Eliteuniversität der Nationalsozialisten, integriert werden sollten. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges führte dazu, dass die Gründung der „Hohen Schule“ vertagt wurde.

Die von Rosenberg geleitete Stelle „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (E.R.R.) raubte und zerstörte im Zuge des zweiten Weltkrieges ab 1940 in allen eroberten Ländern unschätzbare kulturelle Werte, darunter Millionen von Büchern und anderem Schriftgut.

 

9 Barbian, S.275f

10 Bollmus, S. 27

11 Weidemann, S. 13

12 Ebd., 14

13 Ebd., 14

14 Bàez, S. 1

15 Ebd., S. 5

16 Ebd., S. 5

17 Ebd., S. 79

18 Polastron, S. 163.


Hier werden die Unruhen im Rahmen der sogenannten „
Pariser Kommune“ 1870/71 angesprochen.

 

19 Bàez, S. 130

20 Ebd., S.209

21 Verweyen, S. 145

22 Ebd., S. 146

23 Stockhorst, S. 40

24 Akademie-Katalog, S. 195

25 Alfred Bäumler, Antrittsvorlesung in Berlin, in Männerbund und Wissenschaft, Berlin 1934, S.123-138, hier S.137 ff

26 Verweyen, S. 148

27 Brenner, S. 45

28 Jens, S.46-48

29 Mittenzwei, S.95

30 Ebd., S.95

31 Jens, S. 104

32 Ebd., S. 104

33 Ebd., S. 138

34 Barbian, S. 73

35 Jens S.199ff

36 Hauder, S. 144-159

37 Schöne, S.8f

38 Barbian, S.131ff

39 Bàez., S. 212

40 Ebd., S. 212

41 Ebd., S. 213

42 Ebd., S. 218

43 Ebd., S. 218

44Borin:Frankfurter Zeitung vom 28.3.1941

45Als die US Streitkräfte 1945 Frankfurt erreichten fanden sie im IG-Farben Komplex in Offenbach drei Millionen geraubte Bücher unzerstört vor.

46 Neue Züricher Zeitung vom 10.05.1933

47 Bàez, S. 210

48Strätz, S.107